Volkstanz Österreich LogoKulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Ein Projekt der BAG.

Burgenland

Nach oben ] Weiter ]

Home
Inhaltsverzeichnis

Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Südtirol
Tirol
Vorarlberg
Wien

Die von Wien ausgehende Volkstanzforschung und –pflege um Raimund Zoder führte bereits gegen Ende der 1920er Jahre junge FeldforscherInnen (Z.B: Karl und Grete Horak) ins Burgenland. Ein Grund dafür mag die geographische Nähe und somit relativ leichte Erreichbarkeit gewesen sein. Das Burgenland zählt damit neben Niederösterreich zu jenen Bundesländern, in denen die feldforscherische Pionierarbeit nach Zoders Grundsätzen geleistet wurde, d.h. die jungen Forschenden instruiert von Zoder sammelten hier selbständig ihre ersten Erfahrungen. Es gilt zu fragen, auf welche Weise sich der Einfluss der „Wiener Zoder-Schule“ auf die volkstänzerische Praxis im Burgenland gestaltete. Die Hintergründe der Entstehung der burgenländischen Volkstanzforschung und -pflege müssen eingehend herausgearbeitet werden. Wer waren die InitatorInnen, wer die MultiplikatorInnen? Was fanden sie an Material und wie verwerteten sie es? Wie gingen sie vor? Wie beeinflussten sie die Überlieferung? Wie gestaltete sich der Einfluss der Wiener Zoder-Schüler auf die Forschung und Pflege im Burgenland? Wie verliefen die Verbreitungsweg der letztlich Gesamtösterreich erfassenden wissenschaftlich orientierten Volkstanzforschung und –pflege? Wie sehr war Volkstanz etabliert in der Gesellschaft und welche Kreise wurden erfasst? Selbstverständlich gilt es dabei die jeweilige gesellschaftliche, politische und kulturelle Zeitsituation miteinzubinden. Welche Rolle spielte Volkstanz im gesamtgesellschaftlichen Umfeld – auch mit Blick auf der Konstruktion eines neuen Österreich nach 1918?

Ähnlich wie in Niederösterreich, und wohl auch auf Anregung von Zoder, entstand hier relativ bald eine gut organisierte Volkstanzlehrtätigkeit im Rahmen bäuerlicher Fortbildungskurse und über die Volksbildungswerke. Hintergründe sollen sichtbar gemacht werden. Auch die burgenländischen „Volkskunstwochen“ gilt es eingehend zu beleuchten. Waren sie nach niederösterreichischem Vorbild gestaltet? Wer waren die TeilnehmerInnen? Wie war die Resonanz, wie die Effizienz? Solche und ähnliche Fragen gilt es zu beantworten. Vor allem soll auch aufgezeigt werden, inwiefern burgenländische Initiativen anregend waren für die gesamtösterreichische Entwicklung.

Es gilt auch zu fragen, inwieweit es von Institutionen unabhängige pflegerische Ambitionen gab. Gab es wie z.B. in Graz, Salzburg und Wien auch in Eisenstadt eine Volkstanzmodewelle im studentischen Umfeld und in der Jugendbewegung? Wenn ja, von welchen Motiven war sie geleitet? Gab es Aktivitäten im Bereich von Heimat- und Trachtenvereinen? Wann setzte die pflegerische Tätigkeit im Umfeld der ungarischen und kroatischen Minderheit ein? Was waren deren Motive? Wer waren die Initiatoren? Woran orientierten sie sich?

Erstmals soll auch die Zeit von 1938-45 eingehend befragt werden. Gradwohl noch 1936 zum „Bezirkskulturreferenten“ von „Neues Leben“, die Kulturorganisation der „Vaterländischen Front“, ernannt, wird 1939 vom Kreisleiter Brauner mit der Organisation von Volkslied- und Volkstanzübungen in HJ und BDM betraut. Schriftliche Quellen und Zeitzeugen sollen das Bild vom Tanzgeschehen dieser Zeit erhellen. Denn während innerhalb der österreichischen Volkstanzkultur stets die Aussage transportiert wird, dass der 2. Weltkrieg „wertvolle Aufbauarbeit“ zunichte gemacht hätte und das gesamte Volkstanzgeschehen zum Erliegen gekommen wäre, zeigen die Quellen immer deutlicher ein Anderes. Die maßgeblich aktiven Personen dürften vor, während und nach dem Krieg weitgehend dieselben gewesen sein. Wie kam es, dass die Tätigkeit der Volkstanzforscher und –pfleger so kontinuierlich - scheinbar ohne wesentliche Brüche - weiter bestehen konnte? Die Hinterfragung von Gradwohls Biographie, aber auch von anderen österreichischen MultiplikatorInnen dieser Zeit, wird diesbezüglich wichtige Aufschlüsse liefern.

Eine weitere Frage wird sich den Trägerorganisationen der volkstänzerischen Kulturarbeit widmen. Einerseits treten das Volksbildungswerk und andererseits der 1959 gegründete „Landesverband Burgenländischer Heimat-, Volkstanz- und Trachtengruppen“ unter der Leitung von Ferdinand Zeltner in Erscheinung. Worin unterschied sich deren Arbeit? Was waren ihre Ansätze? In Folge von Umstrukturierungsmaßnahmen im Volksbildungswerk kam es 1968 zur Eingliederung des Landesverbands als Mitglied ins Volksbildungswerk. Seit 1993 trägt er den Namen „Volkstanzverband Burgenland“. Nicht uninteressant im gesamtösterreichischen Vergleich ist der Umstand, dass es im Burgenland nicht wie in den meisten anderen Bundesländern eine zweigleisige Entwicklung (Trachtenvereinskultur einerseits und Volkstanzkultur nach Zoder im Rahmen von Landesarbeitsgemeinschaften andererseits) gab, sondern als offizielle Organisation lediglich die Trachtenvereine präsent sind. Gibt es über sie hinaus Aktivitäten? Sind die Trachtenvereine, nachdem Zoder persönlich im Burgenland früh pflegerische Aktivitäten setzte, an seine Grundsätze angelehnt? Gab es den zweiten Strang jemals? Wenn ja, wie kam es dazu, dass er verschwand? Wie wirkte sich dieses Fehlen des zweiten Strangs, der in den meisten Bundesländern in Konkurrenz dazu stand, auf die Trachtenvereinskultur Burgenlands aus? Gibt es hier Unterschiede in der Entwicklung im Vergleich zu anderen Bundesländern? Waren die Aktivitäten des Volksbildungswerks bis Ende der 1960er Jahre an Zoder angelehnt? Solche und ähnliche Fragen im Zusammenhang mit der Geschichte der burgenländischen Volkstanzkultur sollen erstmals beantwortet werden.

Projektleitung: Mag. Waltraud Froihofer.
Webmaster: Franz Fuchs.
Stand dieser Seite: 15. Mai 2007