Volkstanz Österreich LogoKulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Ein Projekt der BAG.

Niederösterreich

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In Niederösterreich setzte die wissenschaftlich orientierte, systematische Volkstanzforschung nach Raimund Zoder bereits gegen Ende der 1920er Jahre ein – früher als in anderen Bundesländern. Zoders Ziel war es unter anderem, die damals vielfach in der Jugendbewegung getanzten „nordischen Tänze“ durch „heimische“ zu ersetzen. Die immer stärker werdende, von z.T. radikal nationalistischer Gesinnung motivierte Orientierung auf das Eigene, die bereits um die Jahrhundertwende durch Anregung von Josef Pommer zu Aufzeichnungen von Volkstanzmelodien führte, war der Nährboden für die Entstehung der Zoder´schen Volkstanzforschung und -pflege. Aufzeichnungen von Choreographien „heimischer Tänze“ – die Voraussetzung für „überlieferungsgetreue“ Pflege - gab es zunächst kaum, und so begaben sich Zoder und seine engsten Vertrauten auf die Suche nach Quellenmaterial. Nicht zuletzt auf Grund der guten Erreichbarkeit per Bahn begannen einige Mitglieder des Zoder-Kreises in Niederösterreich ihre ersten Feldforschungen. Auch die Tatsache, dass Wien damals Hauptstadt des Bundeslandes Niederösterreich war, ist mitzubeachten. Neben Raimund Zoder waren Erna Lechner, Felix Hurdes, Herbert Lager, Wolfgang Geitner und Richard Bammer die fleißigsten Aufzeichner niederösterreichischer Tänze. Ein verhältnismäßig großer Teil der zwischen 1922 und 1934 erschienenen Tänze in Zoders „Altösterreichische Volkstänze“ – bis heute gelten diese vier Hefte als Standartwerk der österreichischen Volkstanzkultur – stammt aus solchen „Forschungsreisen“ in die niederösterreichischen Ortschaften. Auch die von Herbert Lager 1959 erstmals veröffentlichten 12 „Österreichischen Grundtänze“ – ein seitens der BAG Österreichischer Volkstanz für Gesamtösterreich propagiertes, verbindlich zu könnendes Tanzrepertoire – bestehen zu mehr als der Hälfte aus niederösterreichischen Tänzen. Raimund Zoders allererste Volkstanzaufzeichnung soll übrigens aus Niederösterreich („Siebenschritt“ aus Schwarzau am Gebirge; 1904) stammen. Charakteristisch für diese Laienfeldforschung ist ihre Anlehnung an wissenschaftliche Methoden – sie verstand sich selbst als wissenschaftlich legitimiert. Die Zusammenarbeit zwischen akademisch volkskundlichen Forschern und der Laienfeldforschung um Zoder dürfte sehr eng gewesen sein. Hintergründe, wechselseitige Beeinflussungen, Methodik etc. sollen erstmals im Rahmen des Projektes herausgearbeitet werden. Zoder – kein akademisch gebildeter Volkskundler - erhielt 1937 sogar einen Lehrauftrag für „Volkslied, Volkstanz und Volksbrauch in Österreich“ an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.

Dieser Beginn der Feldforschungstätigkeit im niederösterreichischen Raum ist bei der Forschungsfrage des Projektes nach den Tradierungsmechanismen und –mustern in der Volkstanzkultur von großem Interesse. Wie gingen diese ersten Laien-FeldforscherInnen vor, was zeichneten sie auf, was ließen sie unbeachtet, welche Methodik kam zum Einsatz und wie übertrugen sie ihre Beobachtungen in schriftliche Form? Von welchen (politischen u.a.) Motiven waren sie geleitet und wie wirkten sich diese auf die Aufzeichnungen und die Konstruktion der Volkstanzkultur aus? Inwiefern lenkte ihre Pionierarbeit nachfolgende Feldforschungen in gewisse Bahnen? Auf welche Art und Weise gestaltete sich der Rückfluss an Information, d.h. wie beeinflusste die Feldforschungstätigkeit letztlich das Tanzgeschehen in den Ortschaften in denen Aufzeichnungen gemacht worden waren. Wie wirkte ihr Tun zurück auf spätere Gewehrspersonen, die ortsbekannte aber auch bereits „vergessene“ Tänze mitteilten? Was wollten die AufzeichnerInnen in ihrer Arbeit an ethischen, moralischen, gesellschaftspolitischen Inhalten transportieren? Diese und weitere ähnliche Fragen müssen gestellt werden, um die vielfältigen Einflüsse auf das sich bildende und etablierende Volkstanzgeschehen herauszufiltern.

Herbert Lager war einer dieser ersten in Niederösterreich forschenden Vertrauten um Zoder, der im Lauf seines Lebens ein sehr umfangreiches Feldforschungswerk ansammelte. Dieses im ÖVLW, im Archiv der ARGE Volkstanz Wien und zum Teil noch im Privatbesitz seiner Tochter stehende Werk stellt eine wichtige Informationsquelle für das Projekt dar.

Niederösterreichs Vorbildfunktion in der Pflege in den 1930er Jahren:

Fast zeitgleich mit der ersten Feldforschungswelle zu Volkstanzchoreographien ab Ende der 1920er Jahre begannen Zoder-Schüler vorerst in Niederösterreich ihre Tätigkeit als Tanzleiter und hielten zahlreiche „Volkstanz-Kurzlehrgänge“ vor Interessierten aus der Jugendbewegung, aus verschiedenen national gesinnten Organisationen wie etwa des Turnerbundes, in landwirtschaftlichen Fachschulen und Volksbildungsheimen ab. Auf diese Weise soll es in den 1930er Jahren in Niederösterreich mehrere hundert Volkstanzgruppen, die nach Zoders Grundsätzen ausgebildet worden waren, gegeben haben, und, so übermittelt es uns die Sekundärliteratur, sollen deren Mitglieder vorwiegend bäuerlich gewesen sein. Dies wäre einzigartig im gesamtösterreichischen Vergleich. Im Projekt soll dieser Umstand nun detailliert herausgearbeitet werden. Was waren Zoders Grundsätze und war Niederösterreich tatsächlich so etwas wie ein Versuchs-, ein Praxisgelände für die selbstbewusst agierenden städtischen, vorwiegend Wiener Volkstanzpfleger nationalistischer Gesinnung? Was waren die Intentionen dieser pflegerischen Tätigkeit?

Der Volkstanzforscher und –pfleger Herbert Lager meinte: Die NÖ-Tanzlandschaft sei gekennzeichnet durch einfachere Formen, der in Gesamtösterreich vorkommenden „Tanztypen“; man habe diese für gewöhnlich als „Kümmerformen“ betrachtet; Lager meint aber, dass sie „eher „Urformen“ des überlieferten Tanzens in Österreich“ seien. Wie ist diese Aussage zu bewerten? Lässt sich ein Transport dieser Tanztypen von Niederösterreich aus in die übrigen Bundesländer historisch nachvollziehen oder gründet diese Aussage auf die Vorstellung, dass das Gebiet „Ostarichi“ als Anfang des Österreichischen Staates auch die „Urformen“ des österreichischen Tanzes tradiert haben müsste? Viele Forscher und Pfleger sahen Volkstanz als etwas „angestammtes“ d.h. als ethnisch-biologisch und nicht als kulturell Begründetes. Der Einfluss der sich früh formierenden Volkstanzkultur in Niederösterreich auf das volkstänzerische Geschehen Gesamtösterreichs könnte jedenfalls nicht unbedeutend gewesen sein. Details dazu müssen hinterfragt werden.

Gesellschaftliche und politische Strömungen formieren den Volkstanz:

Der Zwischenkriegszeit, in der der Großteil der Aufbauarbeit im Bereich Forschung und Pflege des Volkstanzes geleistet wurde, gilt es besondere Aufmerksamkeit teil werden zu lassen. Einmal interessiert der gesamtgesellschaftliche Kontext, die ideologischen Strömungen und die kulturelle Situation dieser Zeit, um die Entstehung von Pflege und Forschung aus der Zeitsituation heraus nachvollziehbar machen zu können. Zum anderen geht es aber auch um die Zurichtung, um das Konstruieren der Volkstanzkultur vor diesem Hintergrund. In Niederösterreich wurden von Wien beeinflusst dahingehend entscheidende Impulse gesetzt. Es gilt zu fragen, inwiefern die politische und gesellschaftliche Zeitsituation prägend auf das was als „Volkstanz“ festgelegt wurde, Einfluss nahm. Besonders zwischen 1934 und 1938 erscheinen zum Thema „Volkstanz“ zahlreiche Aufsätze in volkskundlichen Zeitschriften aber auch Bücher und erste Tanzsammlungen. Diese Schriften gilt es einer eingehenden Analyse zu unterziehen, da hierin grundlegende Thesen dieser Anfangsjahre dokumentiert vorliegen. Vieles davon wird bis heute unter Praktikern als Lehrmeinung tradiert. Sie sind weiters eine wichtige Quelle für die Volkstanzgeschichte Niederösterreichs.

In Niederösterreich wurde bereits in den 1930er Jahren – verstärkt im Ständestaat 1934-1938 – eine Entwicklung forciert, die nach dem Zweiten Weltkrieg Gesamtösterreich erfasste: Die Idee, das Aufgezeichnete und vor dem Verschwinden bewahrte Volkstanzgut zurück aufs Land zu bringen. Vor allem die bäuerliche Jugend sollte angesprochen werden. Ein Beispiel dafür ist das 1929 eröffnete erste staatliche „Bäuerliche Volksbildungsheim Hubertendorf“ bei Blindenmarkt, das sich als „Lebens-, Gemeinschafts- und Charakterschule“ sah. (in Betrieb bis 1938, dann bis 1945 „Nationalpolitische Erziehungsanstalt für Mädchen; die „Hubertendorfer Leitsätze galten über Österreich hinaus als Vorbild für Ländliche Bildungsarbeit). Welchen Inhalt transportierten diese Leitsätze? Damals stand vor allem ein im Sinn der Politik des Austrofaschismus stehender pädagogisierender Gedanke im Vordergrund. Unter den Vortragenden in Hubertendorf befanden sich u.a. die „Volkstanzväter“ Raimund Zoder und Richard Wolfram. Die Jugend sollte zu getreuen, national gesinnten Erwachsenen erzogen werden, moralisch und ästhetisch dem Volkskörper verpflichtet. Von offizieller Seite wurde Volkstanz in diesem Sinn als hervorragendes Mittel zum Zweck gesehen und dementsprechend eingesetzt. Es gilt zu fragen, inwiefern dieser Umstand die Volkstanzkultur prägte: Einfluss auf Tanzbewegungen, auf Auswahl der Tänze, auf Art und Weise des Musizierens, auf die Bekleidung, auf den Habitus im Rahmen volkstänzerischer Aktivitäten. Darüber hinaus gilt zu fragen, inwiefern durch Volkstanz konkret Gesinnung mittransportiert wurde und welche. Die bis in die 1980er Jahre transportierte Leitidee der Pflege, dass Volkstanz „bäuerlich“ sei, und durch Kurse wieder in das bäuerliche Umfeld zurückgebracht werden sollte, muss insgesamt einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Niederösterreich ist wohl das einzige Beispiel, dass dieses Vorhaben in der Zwischenkriegszeit in großem Stil umsetzen konnte. Wie konnte dies gelingen und wie ging man vor? Es gilt in dem Zusammenhang zu fragen, ob Volkstanz tatsächlich „bäuerlich“ ist, oder ob er durch die städtische Zurichtung, durch die Forschung und Pflege nicht insgesamt als ein städtisches Produkt gesehen werden muss, das mit der Tanzkultur der Landbevölkerung kaum noch in Beziehung zu setzen ist.

Auch der Zeit von 1938 bis 1945 wird erstmals verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Während in geschichtlichen Darstellungen der letzten Jahrzehnte von Pflegern immer wieder tradiert wurde, dass durch den Krieg sämtliche volkstänzerische Tätigkeit zum Erliegen gekommen und „wertvolle Aufbauarbeit vernichtet“ worden sei, deuten die Quellen auf ein anderes Geschehen hin. Es wurden weiterhin Feldforschungen unternommen, Publikationen herausgegeben und zahlreiche Tanzveranstaltungen im kleinen aber auch großen Rahmen organisiert. Erst gegen Kriegsende gab es massivere Einschränkungen durch Einzüge zur Wehrmacht. Bei Fronturlauben wurde aber vielfach weiter getanzt. Im Rahmen des Projektes wird dieser Zeitabschnitt nun erstmals beleuchtet werden, da vielfach ein nahtloser Übergang von Austrofaschismus zu Nationalsozialismus und zur Nachkriegszeit zu bestehen scheint. Wie ist das zu erklären? Warum hat man sich nur sporadisch mit dieser Zeit auseinandergesetzt und wie kommt es, dass eine umfassende kritische Hinterfragung bis heute aussteht? Nachdem in Niederösterreich – neben Wien - bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine sehr gut organisierte von offizieller Seite gestützte Volkstanzpflege bestand, können die Bezüge hier gut herausgearbeitet und wertvolle Rückschlüsse auf die gesamtösterreichische Situation gezogen werden.

Volkstanzkultur nach dem Zweiten Weltkrieg - Institutionen und ihre Arbeit:

Im Rahmen der Frage nach der institutionellen Entwicklung der Volkstanzkultur in Österreich wird selbstverständlich auch die Situation in Niederösterreich eingehen beleuchtet werden. Daneben gilt es die landesspezifische Tanzkultur und –praxis in Geschichte und Gegenwart zu dokumentieren und in eine gesamtösterreichische Zusammenschau zu bringen.

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Projektleitung: Mag. Waltraud Froihofer.
Webmaster: Franz Fuchs.
Stand dieser Seite: 15. Mai 2007