Volkstanz Österreich LogoKulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Ein Projekt der BAG.

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Für den Salzburg-Schwerpunkt interessant ist neben der Person Richard Wolframs, die untrennbar mit der Volkstanzkultur Österreichs ab den 1930er Jahren verbunden ist, auch sein Tanzarchiv, das sich im Salzburger Landesinstitut für Volkskunde befindet. Ziel ist es nicht nur, auf dieses sehr reichhaltige und quantitativ umfangreiche Material aufmerksam zu machen, sondern es erstmals nach methodischen Gesichtspunkten zu beleuchten.

Die Person Richard Wolfram ist in mehrerlei Hinsicht interessant für die geschichtliche Betrachtung der Volkstanzpflege des 20. Jahrhunderts. Er war wohl der einzige österreichische, akademisch aktive Volkskundler, der sich verstärkt mit Volkstanz befasste. Wie kam es zu es zu dieser „Monopolstellung“ Wolframs auf das Thema „Volkstanz“? War er tatsächlich der einzige Akademiker, der in dem Bereich forschte? Wenn ja, welche Auswirkungen hatte dies auf das Forschungsfeld „Volkstanz“ und wenn nicht, warum sind andere ForscherInnen von der Volkstanzpflege (BAG Österreichischer Volkstanz, Bund der Heimat- und Trachtenvereine Österreichs) unbeachtet geblieben?

Wolfram war Nationalsozialist der frühen Stunde – bereits seit 1932 Mitglied der NSDAP - und hat seine Forschungen vor und während des 2. Weltkriegs in den Dienst dieser Ideologie gestellt. Seine Habilitation „Schwerttanz und Männerbund“ war 1934 umstritten wegen des Verdachts auf nationalsozialistische Betätigung und wurde erst zwei Jahre später angenommen. Unbestritten ist seine Arbeit für das „SS-Ahnenerbe“: 1938 wird Wolfram zum Leiter der „Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde“ in Salzburg im Rahmen der „Außenstelle Süd-Ost“ ernannt. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern unternimmt er zahlreiche Feldforschungen in Salzburg. Das Material, v.a. die Volkstanzaufzeichnungen, gilt es einer eingehenden Analyse zu unterziehen. Fragen nach der Methodik stehen dabei im Zentrum, um nicht zuletzt eventuell ideologisch motivierte Auswahlkriterien, Zurichtung des Materials im Sinn des NS und ähnliches festzumachen. 1939 wird Wolfram ao.Prof. am „Lehrstuhl für germanisch deutsche Volkskunde“ an der Universität Wien. 1940/41 leitet er die Arbeitsgruppe „Brauchtum und Volksglauben“ der Kulturkommission Südtirol und unternimmt Feldforschungen bei der umzusiedelnden Bevölkerung im Rahmen der faschistischen-nationalsozialistischen Umsiedelungsaktion. Auch das dabei gesammelte Material gilt es zu sichten und einer differenzierenden Betrachtung zu unterziehen.

Wolframs politische Betätigung und deren Einflüsse auf seine Tätigkeit als „wissenschaftlicher Vater“ der Volkstanzkultur sind im Rahmen des Projektes detailliert herauszuarbeiten. Dieser Schritt, den Einfluss des Nationalsozialismus auf die Volkstanzkultur sichtbar zu machen, wurde bis dato nicht unternommen und ist einer der zentralen Themen des Projektes. Wolframs 1951 erschienenes Buch „Geschichte des Österreichischen Volkstanzes und verwandter Tänze in Europa“ blieb bis heute die einzige umfassendere kulturgeschichtliche Betrachtung der Volkstanzkultur – ist aber auf Grund seines tendenziösen Inhalts neu zu befragen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bzw. eine Distanzierung davon findet darin nicht statt. Im Gegenteil, Volkstanz wird als etwas außerhalb von geschichtlichen Ereignissen Existierendes aufgefasst und beschrieben. Damit transportierte Wolfram ideologische Grundsätze weiter, die vielfach bis heute österreichweit unhinterfragt im Verständnis von Praktikern verankert sind.

Geschichtliche Hintergründe/Entwicklungen der Volkstanzkultur Salzburgs:

Als eine Besonderheit soll die bestehende enge Zusammenarbeit zwischen Trachtenverband und Landesarge – in anderen Bundesländern (Ausnahme Burgenland) lange Zeit undenkbar - befragt werden. Neben gemeinsamen Aktivitäten praktischer Art wird auch auf organisatorischer Ebene kooperiert, so bei den Tanzleistungsabzeichen und der KindertanzleiterInnenausbildung. Wie wirkte sich dies auf den Volkstanz an sich aus? Wie kam es zu dieser Entwicklung, zumal in den übrigen Bundesländern diese scheinbare inhaltliche Unvereinbarkeit zwischen den beiden Volkskulturorganisationen und den jeweils postulierten, fast gegensätzlich ausgelegten Volkstanzbildern bestand. Erst in unserer unmittelbaren Gegenwart werden Annäherungen denkbar. Inwiefern sind diese von der Situation in Salzburg beeinflusst? Die Entstehung der wissenschaftlich orientierten Volkstanzforschung und –pflege war direkt von dem Geschehen in den seit Ende 19. Jahrhundert gegründeten Heimat- und Gebirgstrachtenerhaltungsvereinen geprägt. Hier sollen erstmals unterschiedliche historische Deutungen und auch Anwendungen von „Volkstanz“, sowie wechselseitige Beeinflussungen und die daraus resultierenden Vorstellungen zu „Volkstanz“ und folglich seine entsprechende „Zurichtung“ einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

Daneben gilt es die landesspezifische Tanzkultur und –praxis in Geschichte und Gegenwart zu dokumentieren und in eine gesamtösterreichische Zusammenschau zu bringen. So soll es bereits 1890 volkstanzpflegerische Aktivitäten in Salzburg gegeben haben. Wer waren die Initiatoren und wie gestalteten sie ihre Arbeit? Ist hier eine Beeinflussung durch bayrische Aktivitäten – erste Gebirgstrachtenerhaltungsvereine Mitte 1880er Jahre gegründet - festzustellen? Wann setzte in Salzburg die organisierte Laienfeldforschung ein? Wer forschte, wie und wo? Welche volkstänzerischen Aktivitäten in Pflege und Forschung gab es in der Zwischenkriegszeit, weiters in den Jahren 1938-45 und danach? Welche Art der Einflussnahme durch Raimund Zoder und Richard Wolfram ist feststellbar? Wer waren die maßgeblichen lokalen Initiatoren und wie gestalteten sie ihre Arbeit? Wer waren die Befürworter und finanziellen Unterstützer? Anfang der 1920er Jahre soll es in Salzburg, so Herbert Lager, Volkstanzkurse durch den „Deutschen Schulverein Südmark“ gegeben haben und 1924 ein erstes Volkstanzkränzchen im alten Kurhaus. Richard Wolfram deutet im Österreichischen Volkskundeatlas an, dass es in Salzburg eine „Entwicklung“ gegeben habe, die nicht auf Tanzaufzeichnungen aus Feldforschungen resultierte. Welche Entwicklung ist damit gemeint und wie verlief sie? Zu fragen ist auch nach Tobi Reisers (sen.) Wirken und Einflussnahme innerhalb der Volkstanzkultur – er organisierte beispielsweise 1950-55 die Frühlingsvolkstanzfeste im Stadtsaal des alten Festspielhauses und Kathreintanzfeste. Zu den Ehrengästen zählte die politische Prominenz des Landes. Reiser hielt jeweils vor diesen sehr gut besuchten großen Festen kostenlose Volkstanz-Übungsabende ab. Details sollen herausgearbeitet werden.

Die Wahlsalzburgerin und gebürtige Wienerin Ilka Peter veröffentlichte 1975 die „Salzburger Tänze“, ein Standardwerk für die heutige Volkstanzpflege. Peter zählt zu den bedeutendsten Volkstanz-ForscherInnen für das Bundesland Salzburg. Sie veröffentlichte einige weitere Salzburger Volkstanzpublikationen u.a. eine geschichtliche Darstellung des Salzburger Fackeltanzes.

Sie erhielt 1985 gemeinsam mit Richard Wolfram die Ehrenmitgliedschaft des Österreichischen Volksliedwerkes; dies ist nur eine der vielen Auszeichnungen, die den beiden zuerkannt wurden. Neben Richard Wolfram soll auch die Person Ilka Peter eingehender betrachtet werden. 1946 erschienen von Ilka Peter die „Tänze aus Österreich“. Sie hatte als Forscherin österreichweite Bedeutung. Auffallend ist ihre betont nationalistische, teilweise biologistische Diktion in ihren Veröffentlichungen. Völlig im Dunkeln liegt ihre nationalsozialistische Vergangenheit. Ihre Forschungen und Publikationen aus dieser Zeit gilt es eingehend zu hinterfragen. Auch die Beleuchtung ihrer Situation als forschende Frau in der männerdominierten Volkstanzkultur lässt interessante Gesichtspunkte erwarten. Peter ist die einzige unter den forschenden Frauen, die selbständige Veröffentlichungen herausgab und als eigenständige Forscherpersönlichkeit in Erscheinung trat.

Auch die großen Salzburger Schautänze, darunter der „Salzburger Fackeltanz“ - alljährlich zur Festspieleröffnung am Residenzplatz aufgeführt, gilt es auf ihre soziokulturelle Bedeutung hin zu untersuchen. 
Im Rahmen der Frage nach der institutionellen Entwicklung der Volkstanzkultur in Österreich wird selbstverständlich auch die Situation in Salzburg eingehen dargestellt werden.

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Stand dieser Seite: 15. Mai 2007