Volkstanz Österreich LogoKulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Ein Projekt der BAG.

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In der Steiermark hat Erzherzog Johann bereits Anfang 19. Jahrhundert eine besondere Sensibilisierung für „Volkskultur“ zuerst in höheren Gesellschaftsschichten und später im breiten Bürgertum ausgelöst. In den von ihm initiierten statistischen Erhebungen ist der Bereich ländliche Kultur ein Fixum. Die dabei praktizierte, sehr selektive Zugangsweise war für das Volkskulturverständnis der Folgezeit prägend und ist daher von besonderem Interesse für die geschichtliche Betrachtung des Volkstanzes.

Das Thema: „Nationaltänze in Erzherzog Johanns kameralistischen Erhebungen“ liefert eben Einblicke in jene Zeit als der Gebrauchstanz der ländlichen Bevölkerung zunehmend als „Volkstanz“ entdeckt und beschrieben wurde. Anhand einer Analyse des im Steiermärkischen Landesarchiv verwahrten Materials erwarten wir Aufschluss über die Herangehensweise an den Tanz der Bevölkerung, über die Beschreibungsmodalitäten und die Muster des Festschreibens eines Volkstanzbildes, das bis ins 20. Jahrhundert Gültigkeit hatte.

Ebenso werden Einblicke in das Archivmaterial einer Zeit vor der bewussten Betrachtung des Tanzes, also vor das 19. Jahrhundert vorgenommen. Archivalien über verhängte Tanzverbote und deren Sanktionen oder kirchliche Verordnungen etwa ermöglichen dabei nicht nur Rückschlüsse auf die Tanzpraxis der Bevölkerung sondern auch auf gesellschaftspolitische Fragestellungen, so etwa Einblicke in Moral- und Wertvorstellungen der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Obrigkeitliche Vorschriften – sowohl von staatlicher als auch von kirchlicher Seite - prägten dem Tanzgeschehen ihren Stempel auf. Es stellt sich die Frage, ob aus dieser Zeit Elemente in die spätere Volkstanzpflege einflossen und in welcher Art und Weise.

Ende 19. - Anfang 20. Jh. wurde die Volkstanzchoreographie von interessierten Laienforschern als Feld entdeckt. Zahlreiche Volkstanzaufzeichnungen entstanden in den folgenden Jahrzehnten. Die Methoden und Techniken dieser frühen Forscher gilt es zu beleuchten, und deren Ergebnisse mit dem aus gegenwärtiger Sicht fassbaren historischen Tanzgeschehen zu vergleichen. Deutungstraditionslinien sollen erstmals herausgearbeitet werden.

Wir erwarten uns von der Befragung dieser historischen Quellen wichtige Aussagen darüber, ob die Volkstanzkultur insgesamt nicht ein Konstrukt darstellt, also etwas gezielt Geschaffenes, Erfundenes ist und wenn ja, warum und wie es dazu kam. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Beurteilung von Volkstanz als Gedächtnisort; welche/wessen Funktionen übernimmt Volkstanz dabei für die Menschen und es interessiert die Frage, was es zu erinnern gilt.

Die archivalischen Analysen in Steiermärkischen Archiven werden von Mag. Waltraud Froihofer durchgeführt.

Der Steiermarkschwerpunkt legt auch besonderes Interesse auf den Volkstanz als sozialintegratives Feld. Es geht hier um die Frage, inwiefern die Volkstanzkultur soziale Grenzen setzt oder auch aufhebt und inwieweit Volkstanz als Angebot von jedermann/jederfrau in der Gesellschaft wahrgenommen werden kann. Ao. Univ. Prof. Dr. Elisabeth Katschnig-Fasch (Institut für Europäische Ethnologie und Kulturanthropologie Uni Graz) wird sich diesem Thema widmen.

Ein wesentlicher Punkt in der möglichst breiten Diskussion der Volkstanzthematik ist die Frage nach der Manifestation von Geschlechterrollen in der Volkstanzkultur. Mag. Dr. Heidrun Zettelbauer (Historische Frauen- und Geschlechterforschung, Gender-Studies; Theorie, Nationalismus, Universität Graz) wird dies unter dem Titel „Frau - Nation – Heimat“ mit besonderer Berücksichtigung der Volks(tanz)kultur befragen.

Als weiterer Steiermarkschwerpunkt gilt die Forschung von Stefan B. Karner (Student der Geschichte und Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie Uni Graz) zur Frage „Tracht im Bild“. Tracht und Volkstanz werden seit dem frühen 20. Jahrhundert in der Pflege als untrennbar verbunden angesehen. Ausgehend von einer Fotosammlung aus der Steiermark der Zwischenkriegszeit wird Karner mit Hilfe von Bildanalysen sich dem Konstrukt „Tracht“ annähern.

ao. Univ.- Prof. Univ.- Doz. Dr. Dieter A. Binder (Neuer österreichische Geschichte und österreichische Zeitgeschichte, Uni Graz) wird sich mit dem Thema „Restauration nach 1945. Volkstanz als Identifikationsmuster“ befassen und damit wichtige für die Volkskultur Gesamtösterreichs geltende Aussagen treffen. Konstruktion von nationaler Identität über Heimatbilder und darauf gründende Vorstellungen zu Volks(tanz)kultur prägen das volkstänzerische Geschehen vielfach bis heute. Ein Hinterfragen solcher Bilder blieb bislang aus.

Selbstverständlich Teil der gesamtgeschichtlichen Darstellung der österreichischen Volkstanzkultur ist die Historie des Volkstanzes in der Steiermark, die eine zunächst von Wien unbeeinflusste Entwicklung durch Viktor Geramb, durch die Erwachsenenbildner Monsignore und Dir. Wittmann und durch den bundesstaatlichen Volksbildungsreferenten Kapfhammer nahm. Auch der bekannte Wiener jüdische Großindustrielle, Konrad Mautner, hat im Salzkammergut schon früh geforscht; 1918 erschien von ihm in Graz das Buch „Lieder und Weisen aus dem steyermärkischen Salzkammergute“ mit umfangreichem Tanzteil. Pater Romuald Pramberger hielt Volkstanzkurse ab. Auch Ignaz Freitag – ein Musikant und Zeitgenosse Gerambs hielt schon vor Einsetzen einer von Wien (Raimund Zoder) aus gesteuerten offiziellen Pflege Volkstanzkurse ab. Einblicke in diese frühe Zeit der Volkstanzkultur erhalten wir über Primär- und Sekundärquellen steirischer Archive, aber auch über das Zoderarchiv im Österreichischen Volksliedwerk in Wien. Weiters sind Interviews mit ZeitzeugInnen für den Zeitraum ab der Zwischenkriegszeit geplant u.a. mit Fritz Frank (Graz), dem langjährigen Volkstanzreferenten des Steiermärkischen Landesjugendreferates und späteren Vorsitzenden der BAG Österreichischer Volkstanz, weiters mit Wilfriede Patzelt (Stein an der Enns), eine Zoderschülerin, die sich bis ins hohe Alter dem Volkstanz verpflichtet fühlt und ihre von Zoder („Vaterfigur“ der Volkstanzpflege in Österreich) geprägten Ideale nach wie vor postuliert. Weitere Interviews mit Leuten aus dem Bereich der Heimat- und Trachtenvereine sind zu machen; noch lange bevor der Trachtenvereinsboom um die Wende zum 20. Jh. ausbrach, gab es in Graz die Alpine Gesellschaft „D´ Almbrüder z´Graz“ (Trachtenverein gegründet 1871).

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in der Steiermark durch Zasche, Novak und Frank zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit der von Raimund Zoder initiierten „Wiener Schule der Volkstanzpflege“, die für die Volkstanzkultur Gesamtösterreichs prägend wurde. In der Steiermark bildete Graz das Zentrum der Pflege; hier kam es zur Gründung der „ARGE für Volkstumspflege in der Steiermark“ im Zusammenhang mit dem Landesjugendreferat. Fritz Frank war hier als Angestellter des Landesjugendreferates nach dem 2. WK als Praktiker in der gesamten Steiermark sehr aktiv im Einsatz und trug wesentlich zum Florieren des Volkstanzgeschehens bei. Später war er als Vorsitzender der BAG Österreichischer Volkstanz bundesweit tätig. Seit dieser Zeit befindet sich auch der Sitz der BAG mit eigenem Sekretariat in Graz.

Ziel des Projektes ist es, eine detaillierte Darstellung der Volkstanzkultur in der Steiermark zu liefern. Von besonderem Interesse, weil bislang völlig unaufgearbeitet, ist die Zeit von 1938-1945. Wichtig ist dabei, diesen Zeitabschnitt nicht als zeitliches Isolat zu betrachten, sondern die Verflechtungen in die Zeitgeschichte der Ersten und Zweiten Republik herauszuarbeiten. Die wichtige Rolle der Volkskultur im allgemeinen und des Volkstanzes im besonderen für die österreichische Identitätsfindung nach dem Zweiten Weltkrieg demonstriert u.a. die Einrichtung von F. Franks Stelle im Landesjugendreferat. Die genauen Hintergründe dazu gilt es zu befragen.

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Projektleitung: Mag. Waltraud Froihofer.
Webmaster: Franz Fuchs.
Stand dieser Seite: 15. Mai 2007