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Von besonderem Interesse ist der Zusammenhang zwischen der Herausbildung der Volkstanzkultur und der Abtrennung Südtirols von Nordtirol. Die Eingliederung Südtirols in einen fremden Staat, unter eine faschistische Herrschaft hatte nicht unwesentliche Auswirkungen auf die Identität der BewohnerInnen und auf die Volkskultur des Landes. Die ersten Jahrzehnte waren gekennzeichnet von Unterdrückung der heimischen Tradition; auch Raimund Zoders („Vater“ der österreichischen Volkstanzforschung und Pflege) 1921-1934 erschienene „Altösterreichische Volkstänze“ wurden in Südtirol kaum bekannt. Im Rahmen des Widerstands gab es heimliches Ausleben von Tradition (Singen, Tanzen) auf den Almen. Volkskultur bildete eine Art Gegenkultur zur faschistischen Diktatur. Dieser Umstand ist in der Bertachtung der Kulturgeschichte der Südtiroler Volkstanzkultur von besonderem Interesse, zumal Volkskultur wohl eine Art Enklave wurde und zugleich illegal war. Welche Auswirkungen hatte dies auf die Überlieferung? Was war Teil dieser Tradierung? Welche Bedeutung hatte Volkstanz im soziokulturellen Sinn für die betroffenen Menschen? Solche und ähnliche Fragen gilt es zu stellen. Erst in den späten 1930er Jahren setzten erste Impulse für die Volkstanzpflege ein - zuerst über Kontakte zur Wandervogelbewegung. Eigene Forschungstätigkeit dürfte es damals in umfassender Weise noch nicht gegeben haben. Dass Tänze unterschiedlicher Regionen und keine landesspezifischen getanzt wurden, dürfte darauf zurückzuführen sein. Ziel der Arbeit ist es, diese Zeit einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen, und die Hintergründe und Zusammenhänge der Entstehung der Volkstanzkultur in Südtirol vor den gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen zu beleuchten. Die Situation in Südtirol ist mit jener in Österreich nicht vergleichbar und bedarf daher einer gesonderten eingehenden Betrachtung. Für die Zeit vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Südtirol sind die Arbeiten der „Kulturkommission“ – eine dem SS-Ahnenerbe unterstellte Sonderkommission, die im Rahmen der Bevölkerungsaus- und –umsiedelung das Kulturgut der betroffenen Menschen „erfassen und sicherstellen“ sollte, von besonderem Interesse. Richard Wolfram (später Ehrenvorsitzender der BAG) war 1940/41 Leiter der Arbeitsgruppe „Brauchtum und Volksglauben“. Die größte Zahl der Tanzaufzeichnungen entstand in dieser Zeit durch Karl Horak und Alfred Quellmalz; diese Ergebnisse sollen eine der ersten umfassenderen zur Verfügung stehenden landeseigenen Quellen gewesen sein. Diese gilt es zu prüfen, aber auch die Vorgehensweise der Forscher bei ihrer Arbeit soll einer differenzierenden Betrachtung unterzogen werden. Interessant ist auch der Umstand, dass an der Umsiedelungsstelle in Innsbruck recht bald eine Volkstanzgruppe gegründet worden war, der u.a. Luis Staindl, damals Student, angehörte und der sie für kurze Zeit auch leitete. Wer war Initiator dieser Volkstanzgruppe? Warum wurde sie gegründet? War die Rolle des Volkstanzes in diesem Zusammenhang eine persönlich identitätsstiftende - die Menschen dürften sich in einer ausgesprochenen Unsicherheitssituation befunden haben – oder war sie anderweitig motiviert? Ob hier auch eine Forcierung durch die Politik dahinter stand, soll geklärt werden. Es gilt zu fragen, inwiefern der Nationalsozialismus Einfluss auf die Volkstanzkultur nahm. Hatte die verstärkte Abgrenzung der Sprachgruppen Auswirkungen auf das Volkstanzgeschehen. Über eine eingehende Analyse durch Archiv- und Literaturrecherchen und durch Interviews von Zeitzeugen können wir die Entdeckung bisher unbekannter Fakten und Zusammenhänge erwarten, die für die gegenwärtige Volkstanzkultur aber auch für die wissenschaftliche Forschung von hohem Wert sind. Für die nach dem Krieg recht zögerlich einsetzenden pflegerischen Ambitionen dürfte die politische Situation verantwortlich gewesen sein. Während in den meisten österreichischen Bundesländern ein - die Pflege und Forschung betreffend - beinahe nahtloser Übergang zwischen den politischen Systemen des 20 Jahrhunderts vonstatten ging und die Politik nach 1945 wiederum massiv finanziell unterstützend auftrat, wurde die Volkstanzpflege in Südtirol erst relativ spät aufgenommen. So soll erst 1958 der erste Volkstanzlehrgang durchgeführt worden sein. 1960 kam es zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft zur Pflege des Volkstanzes“ in Südtirol als Teilorganisation des „Landesverbandes für Heimatpflege“. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Inwiefern spielte die gesellschaftspolitische Situation eine Rolle? Seit 1960 – es ist auch das Gründungsjahr der Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz, in der Südtirol gleichberechtigtes Mitglied ist – wurden die Kontakte zwischen Österreich und Südtirol aufgebaut und intensiviert. Die Österreicher Horak, Derschmidt, Koschier, Schmidt u.a. arbeiteten in Südtirol aktiv an der Professionalisierung des Tanzes im Sinn der Forschung und Pflege mit. Diese Kontakte wurden auch seitens Nordtirols finanziell unterstützt. Kann diese Tätigkeit als ein Versuch, die „Kulturgrenzen“ über Staatsgrenzen hinweg zu erhalten, gewertet werden? Gibt es so etwas wie eine gemeinsame „Kulturgrenze“ überhaupt? Ist der Volkstanz in Südtirol nicht vielmehr durch gesellschaftliche und politische Umbrüche zu etwas eigenem spezifisch Südtirolerischem geworden? Ist er nicht vielmehr ein Konstrukt, das aus der Landesgeschichte heraus seine entscheidende Prägung fand? Wer waren die Motoren der Entwicklung? Welche Auswirkungen hatte der „Österreichische Einfluss“ durch Pfleger auf die Entstehung der Volkstanzkultur in Südtirol? Welche Motive stehen hinter den Bemühungen sowohl auf südtirolerischer als auch auf österreichischer Seite? Wie ist es zu erklären, dass das offene Tanzen in Südtirol nur zögerlich Fuß fassen konnte und das Tanzen weitgehend auf geschlossene Volkstanzgruppen beschränkt blieb? Hatte der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark forcierte Tourismus und die damit verbundenen „Tiroler Abende“ Einfluss auf die Volkstanzkultur? Inwiefern spielt Volkstanz eine Rolle im Selbstbild der SüdtirolerInnen heute? In dem Zusammenhang sind u.a. die Wiederbelebungsaktivitäten rund um den „Bozner Bindertanz“ und den „Tiroler Schwerttanz“ zu hinterfragen. Wie kommt es, dass der österreichweit beklagte Jugendmangel in Südtirol kein so gravierendes Thema ist? Welchen Zugang hat die Jugend in Südtirol zu Volkstanz im Besonderen und Volkskultur im Allgemeinen? All diese und weitere sich erst im Forschungsprozess ergebende Fragen gilt es im Südtirolschwerpunkt zu beantworten. Auch Richard Wolframs Südtirolforschungen – er war Leiter des Instituts für Volkskunde in Wien und Ehrenvorsitzender der BAG –werden eingehend beleuchtet werden müssen. Selbstverständlich wird das Land darüber hinaus in den allgemein abgehandelten Themenbereichen Musik, Soziales, Jugend, Tracht neben den österreichischen Bundesländern in annähernd gleicher Form präsent sein, um ein möglichst umfassendes Bild der Volkstanzkultur erhalten zu können. Als Quellen dienen neben Archivmaterialien auch Vereins- und Verbandaufzeichnungen, sowie qualitative Interviews und Erfahrungsberichte. Ebenso erwarten wir Aufschlüsse durch die Analyse der Sekundärliteratur, der didaktischen und fachlichen Publikationen von Praktikern und Wissenschaftlern für die praktizierenden TänzerInnen. Aufschlüsse über Traditionsbildung und damit verbundene Mechanismen und Muster, das Erarbeiten von Wissen und der Transport durch die Gesellschaft und durch die Zeit werden über das Hinzuziehen eines breiten Quellenbestandes in mehreren Perspektiven erfahrbar. Zurück zum Anfang |
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Projektleitung: Mag. Waltraud
Froihofer.
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