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Karl Horak, untrennbar mit der Volkstanzforschung und –pflege Tirols verbunden, setzt den Beginn der systematischen Sammlung und Pflege von Volkstänzen in Tirol mit dem Jahr 1932 an. Es ist jenes Jahr, als für ihn – den gebürtigen Wiener - der Eintritt in den Tiroler Schuldienst (in Kufstein) als Gymnasiallehrer erfolgte. Horak war bereits in Wien mit Zoder zusammengetroffen und hatte zu seinen ersten Schülern und engsten Vertrauten gezählt. Als Horak 1932 seinen Dienst in Tirol antrat, begann er Zoders Grundsätze in Forschung und Pflege hier publik zu machen.

Auch wenn Karl Horak den Beginn einer systematischen, wissenschaftlich orientierten Volkstanzforschung Anfang der 1930er Jahre ansetzt, sind Tanzaufzeichnungen aus früheren Jahren sehr wahrscheinlich, zumal es eine Reihe heimatpflegerischer Aktivitäten in Tirol gegeben hatte. In diesem Zusammenhang ist Hermann Wopfner (1876-1963) zu nennen, der an der Universität in Innsbruck als Professor für österreichische Geschichte und Wirtschaftsgeschichte tätig war und 1923/24 das Institut für Geschichtliche Siedlungs- und Heimatkunde der Alpenländer gründete aus dem 1938 das Institut für Volkskunde in Innsbruck hervorging. Wopfner wandte sich volkskundlichen Themen zu und war Initiator der Heimatforschung nach dem 2. Weltkrieg. Für die kulturgeschichtliche Darstellung der Volkstanzkultur Tirols sind neben Hermann Wopfners Nachlass im Tiroler Landesarchiv auch die Sammlungen von Anton Dörrer (Volkskundler) sowie Hans Hörtnagl, Karl Kugler, Hans Mair (jeweils Heimatforscher) von Interesse – ein Fundus, der bislang im Zusammenhang mit Volkstanz nicht näher untersucht wurde. Wir erwarten uns von der Einsichtnahme in das Archivmaterial Aufschlüsse über das volkstänzerische Geschehen Anfang 20. Jh. bis in die 1930er Jahre. Auch das Wirken der Heimat- und Trachtenvereine, deren Gründungsdaten in Tirol im gesamtösterreichischen Vergleich früher anzusetzen sind, so gab es bereits 1906 einen Zusammenschluss aller Vereine in einem übergeordneten Verband, soll erstmals einer Analyse unterzogen werden. Ihre gesellschaftliche, kulturelle und politische Funktion und Intention gilt es zu hinterfragen. Was war ihre Motivation, ihr Anliegen? Welche pflegerischen Aktivitäten setzen sie im Bereich Volkstanz? Wie beeinflussten sie das volkstänzerische Geschehen? Welche Veränderungen sind an den Volkstänzen per se zu beobachten? Weiters interessieren die Fragen nach Moden, Zeitgeschmack, Wandel in der Volkstanzkultur. Ist Wopfners Bemühen im heimatpflegerischen Sinn eine Antwort auf die Tätigkeit der Trachtenvereine? Gab es Zusammenarbeit? Solche und ähnliche Fragen gilt es zu beantworten, um die Anfänge der Volkstanzpflege in Tirol, ihre Möglichkeiten, ihre Entwicklung, ihre Beeinflussungen herauszuarbeiten.

Auch der Zeit von 1938 bis 1945 wird im Rahmen des Projektes große Aufmerksamkeit gewidmet werden. Welche Aktivitäten gab es? Welche Rolle spielte Volkstanz im politischen und welche im außerpolitischen Umfeld? Wie veränderte sich dadurch der Volkstanz an sich?

1949 gründete Horak die Volkstanzgruppe Innsbruck als Mitglied der AG Volkstum-Brauchtum beim Landesjugendreferat und initiierte erstmals offene Volkstanzabende in Tirol. Die Volkstanzgruppe Innsbruck war zunächst als eine Art „Probiergruppe“ angelegt, in der engagierte Tänzer zusammengefasst wurden, die ihrerseits wiederum pflegerische Arbeit übernahmen. Ähnlich des „Zoder-Kreises“ in Wien, dem auch Horak kurze Zeit angehörte, wurden die im Feld aufgezeichneten Tänze in der Gruppe erprobt. Sie galt als „Vorbildgruppe“ und erlebte unter Horaks Leitung eine große Breitenwirksamkeit. Mitglieder dieser Gruppe sollen befragt werden, um einerseits Karl Horak als Person fassbar zu machen und um andererseits die pflegerische Vorgehensweise herauszuarbeiten. Auch die direkten Zusammenhänge von Forschung und Pflege gilt es zu analysieren. 1978 wurde als Nachfolger der AG Volkstum-Brauchtum der „Verein für Volkstanzpflege“ gegründet, der sich aus mehreren Arbeitsgruppen, darunter der „Volkstanzkreis Innsbruck“, zusammensetzte. 1989 ging daraus die „Tiroler Landesarbeitsgemeinschaft für Volkstanz“ hervor. Sie ist heute der offizielle Ansprechpartner für Tirol in volkstänzerischer Hinsicht.

Auch die volkskulturellen Lehrgänge zu Lied, Musik, Tanz, Spiel und Tracht in Rotholz stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Horaks Person. Er veranstaltete die ersten „Jugendlager“ aus denen später die Volkstanzwochen in Rotholz hervorgingen Beachtlich war die internationale Resonanz auf diese Lehrgänge; so konnten regelmäßig Gäste aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Schweiz und Belgien begrüßt werden. Details dazu sollen herausgearbeitet werden. Horak war seit den 1960er Jahren 2. Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz. Er war seit 1965 Mitglied der Kommission für Volkslied-, Volksmusik- und Volkstanzforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Horak engagierte sich auch im Rahmen des Österreichischen Volksliedwerks (Vorsitzender der wissenschaftlichen Kommission) und des Tiroler Volksliedarchivs (Archivleitung).

Insgesamt gilt es die institutionelle und kulturgeschichtliche Entwicklung der Volkstanzkultur Tirols aufzuzeigen und in eine gesamtösterreichische Zusammenschau zu bringen. In dem Zusammenhang ist u.a. auch die soziokulturelle Funktion von Tiroler Tanzgroßformen, wie der Fackeltanz oder der Reiftanz zu befragen, die von Karl Horak aus historischen Quellen und Elementen verwandter Tänze benachbarter Gebiete zusammengestellt worden waren.

Karl Horak als Forscher mit Weitblick?

Horak war, wie bereits angedeutet, neben Pfleger auch stets Forscher. Bereits 1933 veröffentlichte Karl Horak „Volkstänze aus Tirol“ in der Reihe „Deutsche Volkstänze“. Er ist wohl der einzige unter den österreichischen außerwissenschaftlichen Forschern, der die Methodik immer wieder kritisch hinterfragte und in Anlehnung an die Entwicklung wissenschaftlicher Methoden zu deren Abwandlung und Weiterentwicklung anregte. Er forderte „peinliche Genauigkeit“ in der Aufzeichnung, um nicht nur ein „wirklichkeitsgetreues Bild des Tanzes“ sondern auch dessen „Stellenwert im Volksleben“ festhalten zu können. Verbesserungen und Verschönerungen seien zu unterlassen, und die persönliche Meinung des Autors dürfe lediglich in der Fußnote ausgedrückt werden, meinte Horak. Er bekrittelte, dass nur wenige Volkstanzveröffentlichungen diese „grundlegenden Forderungen“, wie er sie nennt, erfüllen und selbst namhafte Forscher diesen nicht nachkommen würden. Damit provozierte er immer wieder Konflikte mit anderen Forschern – u.a. mit Herbert Lager - die Horaks geistige Wandlungsfähigkeit nicht zu schätzen wussten. Letztlich bewogen ihn diese Interessenskonflikte zum Austritt aus der Bundesarbeitsgemeinschaft Österreichischer Volkstanz.

Für die Frage nach den Vorgängen der Tradierung im Bereich Volkstanz sind nun Horaks Forschungsansätze von besonderem Interesse. Besonders deshalb, weil er vermutlich der einzige gewesen ist, der internationale Kontakte nicht nur aus pflegerischen Motiven sondern auch aus Gründen der Weiterbildung zur Verbesserung der eigenen forschenden Tätigkeit pflegte. Welche Auswirkungen hatte Horaks Weitblick auf die Volkstanzpraxis in Tirol?

Horak war nicht nur einer der reflektiertesten, sondern auch einer der fleißigsten Feldforscher; meist gemeinsam mit seiner Ehefrau Grete unternahm er zahlreiche Forschungsreisen aus denen eine äußerst umfangreiche Sammlung entstand. Das Horak-Archiv befindet sich heute im Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern. Die Aufzeichnungen von Karl und Grete Horak liegen zumeist in Kurzschrift vor und sind daher sehr schwer zugänglich. Ernst Schusser, Archivleiter des Volksmusikarchivs, hat noch mit Karl Horak gearbeitet und ist zurzeit wohl der einzige Forscher auf dem Gebiet der Volksmusik und des Volkstanzes, der diese Kurzschrift in einem vernünftigen Ausmaß lesen kann. Im Rahmen des Projektes wird er eine Darstellung des Archives mit seinen Beständen vornehmen.

Interessant und erstmals detailliert nachgefragt wird Horaks Position innerhalb der volkstänzerischen Laienfeldforschung. Seine Nähe zur wissenschaftlichen Disziplin „Volkskunde“, zu ihren Theorien und Methoden, war vermutlich größer als bei anderen seiner Zeitgenossen. Lässt sich das bestätigen? Wie wirkten seine Ansätze auf Kollegen zurück? War er Vorreiter oder blieben seine Ansätze ungehört? Welche Vorstellungen von Tradition transportierte Horak in seinen Werken? Immer wieder reflektierte er die Auswirkungen der Pflege auf das volkstänzerische Geschehen in den Ortschaften, und war damit manchen weit voraus.

Nach wie vor gänzlich unhinterfragt ist allerdings Horaks Rolle als Forschender im Rahmen der „Option“ - die Südtiroler Aussiedelungsaktion Anfang der 1940er Jahre. Er war Teil der „Kulturkommission“, eine dem SS-Ahnenerbe unterstellte Sonderkommission und zuständig für die „Erfassung und Sicherstellung“ von Volkstänzen. Die Volkstanzkultur Südtirols verdankt diesen Forschungen den Großteil des heute vorhandenen Quellenbestandes. Gerade auch deshalb ist es ungemein wichtig, diese Forschung Horaks im Jahr 1940/41 vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens detailliert zu beleuchten: politische Gesinnung, Vorgehensweise, Methodik, Motive und deren Einfluss auf das Volkstanzgeschehen und letztlich auf den Volkstanz selbst sollen dargestellt werden.

Beachtlich ist Karl Horaks publizistisches Werk, in dem seine Gedanken zu Pflege und Forschung besonders gut nachvollziehbar werden. Diesem Teil des Horak-Nachlasses wird sich das Projekt verstärkt widmen, um seine Positionen und seinen Einfluss auf die Volkstanzkultur Österreichs und Südtirols und die Dynamik der Volkstanzforschung und -pflege insgesamt sichtbar zu machen. Auch Horaks Einfluss auf die Volkstanzpflege in Südtirol ist hervorzuheben. Durch seine Person kam es zu einem sehr lebhaften Austausch zwischen den beiden Ländern und nicht zuletzt auch finanzielle Unterstürzung seitens der Nordtiroler Landesregierung für die Südtiroler Volkstanzkultur. Details (Art der Zusammenarbeit, wechselseitige Beeinflussung, etc.) werden im Projekt herausgearbeitet.

Grete Horak und das Thema „Frauen in der Volkstanzkultur“:

Grete Horak als Feldforscherin unterstützte ihren Mann Karl bei vielen der Forschungsreisen, blieb selbst aber in den Publikationen meist unerwähnt. Sie studierte Volkskunde hat das Studium aber nicht abgeschlossen. Erstmals wollen wir uns auf die Suche nach den forschenden Frauen, die in der Volkstanzkultur kaum aufscheinen, machen. Immer wieder gab es Frauen, die Tanzaufzeichnungen machten und sich als Feldforscherinnen betätigten, Grete Horak bestimmt am umfassendsten. Ilka Peter hat als einzige dieser Frauen selbst publiziert. Hilde Lager-Seidl machte sich als Graphikerin u.a. in Volkstanz- und Trachtenbüchern einen beachtlichen Namen. Der Großteil der Frauen und ihre Leistungen blieben aber im Hintergrund. Welchen Einfluss nahmen diese Frauen dennoch auf die Entwicklung der Volkstanzkultur des 20. Jahrhunderts? Was waren ihre Leistungen? Welches Frauenbild wurde in der Volkstanzkultur insgesamt tradiert? Solche und ähnliche Fragen sollen gestellt werden, um erstmals auch die weibliche Seite der Volkstanzkultur sichtbar zu machen und ins Bewusstsein zu rücken.

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Projektleitung: Mag. Waltraud Froihofer.
Webmaster: Franz Fuchs.
Stand dieser Seite: 15. Mai 2007