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Die Volkstanzkultur des 20. Jahrhunderts nahm von Wien ihren Ausgang; Wiener waren die entscheidenden Impulsgeber und Initiatoren. Zu nennen wären etwa Josef Pommer, der besonders um die Sammlung von Tanzmelodien bemüht war und Raimund Zoder, der erstmals eine gut verwendbare Anleitung für die choreographische Aufzeichnung von Volkstänzen erarbeitete und diese in einer Fachzeitschrift - der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde - 1911 veröffentlichte. Um Zoder sammelten sich in den 1920er und 30er Jahren eine Reihe von StudentInnen, die in seinem Wiener Tanzkreis – „Urania-Tanzkreis“ – das eben Aufgezeichnete in der Praxis erprobten und im Weiteren selbst als Forschende unter seiner Anleitung aktiv wurden. Auf diese Weise entstand eine Fülle an Aufzeichnungen, aus der der Großteil des heutigen österreichischen Volkstanzrepertoires stammt. Zoders „Schüler“ bauten in den Folgejahrzehnten in den Bundesländern eine Volkstanzpflege nach seinen Grundsätzen auf. Diese „Laienforschung“ passierte in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und verstand sich selbst als wissenschaftlich legitimiert. Analyse von Volkstanzsammlungen – die Frage nach Art und Weise der Tradierung:Zoders umfassende Sammlung befindet sich im Österreichischen Volksliedwerk in Wien. Dieser Bestand ist äußerst wertvoll für die geschichtliche Darstellung der Volkstanzkultur und wird den Hauptschwerpunkt der Recherchen bilden. Das Zoder-Archiv umfasst neben mehreren tausend handschriftlichen Aufzeichnungen auch seine Bibliothek mit vielen hundert Publikationen zum Thema „Volkstanz“; indem es den gesamten Umfang von Zoders geistigem und praktischem Wirken repräsentiert, ist das Zoder-Archiv ein zeitgeschichtliches Dokument, dessen Analyse entscheidende Blickpunkte in Hinblick auf Publizität der Volkstanzkultur, auf ihr Eingebundensein in den zeitlichen und gesellschaftlichen Wandel widerspiegelt. Zentrale Forschungsfrage des Projektes ist die Frage nach den Tradierungsmustern und Tradierungsmechanismen in der Volkstanzkultur – woraus wir Rückschlüsse auf Tradierungsvorgänge ganz allgemein erwarten. Die Ergebnisse des Projektes sind somit nicht nur für die Volkstanzinsider von Interesse, sondern darüber hinaus für die Kulturwissenschaften insbesondere für die Volkskunde/Europäische Ethnologie. Die Person Raimund Zoder verdient besondere Aufmerksamkeit, zumal er Hauptinitiator dieser Bewegung war und in Insiderkreisen als „Vater“ der wissenschaftlich orientierten Volkstanzforschung und –pflege betrachtet wurde. Das Besondere im gesamtvolkskulturellen Vergleich liegt darin, dass sich im volkstänzerischen Umfeld eine Laienforschung etablierte, deren Tradition bis in die Gegenwart reicht. Diese ForscherInnen waren keine AkademikerInnen, ihre Methodik könnte aber durchaus als sehr professionell bezeichnet werden. Die Tätigkeit dieser ForscherInnen soll nun erstmals von wissenschaftlicher Seite einer differenzierenden Betrachtung unterzogen werden. Ein großer Teil des Materials befindet sich in Wien: Das Zoder-Archiv ist der wichtigste archivalische Bestand, auf den auch dieses Projekt basieren wird; weiters wird die Sammlung von Herbert Lager (Gründungsmitglied der BAG und deren langjähriger Vorsitzender; zahlreiche Volkstanzpublikationen und -forschungen) erstmals einer Analyse zugeführt. Ein Teil der Sammlung von Herbert Lager befindet sich im Österreichischen Volksliedwerk, ein Teil ist noch im Privatbesitz seiner Tochter Monika Wolf. Auch das Privatarchiv von Hella Wald gilt als wichtige Quelle für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg u.a. im Zusammenhang mit internationalen Kontakten der Volkstanzkultur nach Schweden. Über Primärquellen hinaus interessieren auch die in auffallender Zahl vorhandenen Publikationen dieser Laienforscher; dies ist überhaupt eine Sonderentwicklung innerhalb der volkskulturellen Szenen, denn nirgendwo sonst kam es zu einer derartigen Anhäufung von außerwissenschaftlicher Fachliteratur, die zum Teil in wissenschaftlichen Publikationsorganen erschien (z.B. in der „Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde“, in der Zeitschrift „Das deutsche Volkslied“, in der „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde“ u.a.). Volkstanz und Stadt:Zoder war unmittelbar verbunden mit der Stadt Wien. Er war ein urbaner Mensch und richtete sich zu Hause zugleich eine Bauernstube ein, in der musiziert und getanzt wurde. Dies ist kein Widerspruch sondern schien für eine gewisse städtische Schicht zum guten Ton gehört zu haben. Der bekannte Wiener Großindustrielle Konrad Mautner entdeckte seine Liebe zum Ländlichen in Zoders bäuerlichem Interieur und fuhr erst dadurch angeregt auf Land, um die Ländlichkeit ein zweites Mal zu entdecken. Dieses Wechselspiel von Stadt und Land, in dem sich die Volkstanzkultur herausbildete, gilt es einer eingehenden Analyse zu unterziehen. Zum einen geht es um die geistigen Grundlagen dieser Zeit, um die gesellschaftliche und politische Stimmung, in der das Interesse an Volkskultur zu wachsen begann – besonders ab den 1920er Jahren - und zum anderen um die daraus resultierenden praktischen Ausführungen, um die Art der Aufzeichnung, um Kriterien der Auswahl. Welche Tänze wurden weggelassen und als nicht aufzeichnungswürdig befunden? Waren die Forschungen von einem städtischen Blick aufs Land geprägt? Was waren die Motive dieser frühen Forscher? Diese und andere Erörterungen sollen die Frage, ob Volkstanzkultur nicht insgesamt eine urbane Kultur ist, beantworten. Das worauf man sich stützte war ländlich, aber wird es nicht durch die städtische Auswahl und Zurichtung ein Konstrukt städtischer Provenienz? Über diese grundlegenden Fragen hinaus wird sich das Projekt erstmals auch mit der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Wiener Trachtenvereinsszene und der Wiener Volkstanzgruppen intensiv beschäftigen. Es gilt u.a. zu fragen, inwiefern Volkstanz ein soziales Moment ist; allein ein Blick auf die Namensgebung der einzelnen Gruppen, wie z.B. „Erster evangelischer Musik- und Volkstanzkreis“, „Trachtenverein D Holterbuam“, „Katholischer Volkstanzkreis“, „ÖAV Volkstanzgruppe Enzian“, „Verein der Steiermärker in Wien“, „Trachtenverein Berghoamat“, „Akademischer Tanzkreis“ lässt erahnen, dass sich die Stadt als Konglomerat unterschiedlichster Lebensweisen bis ins Vereinsleben widerspiegelt. Einblicke in den Vereinskataster und in Gründungsakten sollen Aufschlüsse geben, aber auch Interviews mit Zeitzeugen und Analysen von zahlreich vorhandenen Sekundärquellen. Über diese organisierte Volkstanzpflege gilt es auch die blühende Volkstanzszene im studentischen Umfeld und im Rahmen der Jugendbewegung in der Zwischenkriegszeit eingehend zu beleuchten. Volkstanz avancierte bei bestimmten jungen städtischen Menschen zu einer Art Modetanz. Innerhalb von verschiedenen national gesinnten Organisationen wurde Volkstanzen zu einem Fixbestandteil des angebotenen Programms, so z.B. beim „Volksgesangs-Verein“, beim Bund „Neuland“. In diesem Umfeld fanden schließlich auch Volkstanzfeste im Freien statt, mit mehreren tausend TeilnehmerInnen. Die Politik des Austrofaschismus dürfte Volkstanz in besonderer Weise gefördert haben; so kam es 1934 zu einem ersten internationalen Volkstanzfest in Wien, gekoppelt an einen international besetzten Kongress zum Thema „Volkstanz“. Zu erwähnen sind weiters die akademischen Volkstanzfeste im Militärkasino am Schwarzenbergplatz 1935 und 1936 unter Anwesenheit des Bundespräsidenten. Den festlichen Höhepunkt erreichten diese Feste im Jahr 1937 im Marmorsaal der Hofburg unter dem Ehrenschutz des Bundespräsidenten und sämtlicher Rektoren der Wiener Hochschulen. Volkstanz wurde in Sphären gehoben, die mit jenen der heutigen Opernbälle vergleichbar sind. Dies war eine speziell Wiener Entwicklung. Während es zwar auch in der Steiermark beispielsweise Volkstanzaktivitäten in studentischen Kreisen und in der Jugendbewegung gab, ist diese exzessive Nutzung in akademischen Kreisen ein Wiener Phänomen geblieben. Die Hintergründe dieser Entwicklung in Hinblick auf das gesellschaftliche und kulturelle Zeitgeschehen gilt es erstmals im Detail zu beleuchten. Insgesamt bildet die Bundeshauptstadt Wien - die immer stark vorbildwirkend für das Volkstanzgeschehen in den übrigen Bundesländern war – einen ganz gewichtigen Hauptschwerpunkt des Projektes. Dies äußert sich selbstverständlich in der Projektumsetzung in einer ungleich höheren Zahl von getätigten Interviews, in einer verstärkten Einbindung von wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Institutionen und in einer letztendlich stärkeren Präsenz in der Publikation. Zurück zum Anfang |
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Projektleitung: Mag. Waltraud
Froihofer.
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